Rock à la Chilena 
Mittwoch, Januar 31, 2007, 21:40 - Kultur & Lektüre
Die Entwicklung der chilenischen Rockmusik
von Davy Martinez Contreras
(aus Oscar Romero/ila233)
Quelle:Informationsstelle Lateinamerika Bonn

Bei lateinamerikanischer Musik denken EuropäerInnen in der Regel an Folkloremusik aus den Anden, mexicanische Rancheros, Salsa oder neuerdings auch an cubanischen Son. Doch die Musik des „Mestizenkontinents" bietet mehr als das. In ihr verschmelzen unzählige Stile, von der traditionellen Folklore über Música popular, Klassik, Tango, Bolero bis zum Jazz und selbstverständlich auch Rockmusik. Im Fall Chiles verbinden vor allem ältere Solidaritätsbewegte die Musik gerne mit Gruppen wie Inti Illimani oder KünstlerInnen wie Víctor Jara und Violeta Parra. Aber das musikalische Spektrum des Landes ist wesentlich breiter und abwechslungsreicher. Zum Beispiel ist die chilenische Rockmusik – eine der wichtigsten Musikszenen des Landes – in Europa völlig unbekannt.

Wir beginnen den geschichtlichen Rückblick im Valparaíso der 50er Jahre: Hunderte von ausländischen Seeleuten erreichen den alten Hafen und bringen die Saat der Rockmusik ins Land. Zunächst ist die neue Musik exklusiv in Bars und Bordellen zu hören, doch Schritt für Schritt durchbricht sie diesen Kreis. Im Februar 1957 nehmen einige Privilegierte, ohne sich dessen bewusst zu sein, an einem historischen Ereignis teil. „La Unión", die Tageszeitung Valparaísos, gibt mit einem Konzert im Stadtzentrum auf der „Plaza de la Victoria" den Startschuss für mehr als 40 Jahre musikalischen Schaffens. „William Red and the Rock Kings" und „Harry Show and the Rock Time", die ersten bedeutenden chilenischen Rockgruppen, stellen der Öffentlichkeit die neue Musikrichtung vor.

Fünf Jahre später gewinnt Brasilien die im Heimatland Nerudas stattfindende Fußballweltmeisterschaft. Im Radio gibt es jedoch einen anderen Sieger. Der Titel „El Rock del Mundial" der chilenischen Band „Los Ramblers" belegt Platz Nr. 1 in den Charts der Sender. Der von Jorge Rojas komponierte Titel wird im Laufe der Zeit zu einem echten Klassiker der nationalen Musik. Um 1966 hat sich die Szene etablieren können. Und was in den kosmopolitischen Bars und Kneipen des chinesischen Viertels Valparaísos zaghaft begonnen hatte, trägt in jenem Jahr erste Früchte: Die aus dem benachbarten Viña del Mar stammende Gruppe „Los Mac’s" nehmen ihre erste LP, das Album mit dem Titel „22 a go-go" auf.

In dieser ersten Phase stellt die Rockmusik in Chile – trotz ihrer Erfolge – nur eine schlechte Kopie dessen dar, was sich in den USA und Europa ereignet. Viele Musiker singen in englischer Sprache, und einige tragen sogar langhaarige Perücken, um ihren Idolen noch ähnlicher zu sehen. Diese im Verlauf der Zeit immer absurder erscheinende Situation ändert sich jedoch Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, als die Rockmusik in Lateinamerika endlich ihren eigenen Weg findet. Einige vom „Lo Amerindio"(eine sich auf die eigenen kulturellen Wurzeln beziehende Anschauung) überzeugte Musiker distanzieren sich von dieser Art der Nachahmung und beginnen allmählich, den Rock zu chilenisieren. Wieder einmal ist Valparaíso die Wiege einer der wichtigsten Richtungen der Música popular des Landes. Dort, am Ufer des niemals stillen Pazifischen Ozeans, beginnen einige Bands Instrumente der ursprünglichen Kulturen in ihren Kompositionen einzusetzen. Diese Instrumente zusammen mit spanischen Texten reich an lateinamerikanischer Imaginität sind die ersten Spuren einer Rockmusik mit einer eigenen Identität.

Zwei der Musikbands, die sich zu Beginn ihrer Karriere kaum von vielen anderen Gruppen unterscheiden, sind „Los Jaivas" (die Krebse), die sich zunächst „High Bass", in der chilenischen Aussprache identisch mit „Jaivas", nennen und „Los Psicodélicos", deren Name heute „Congreso" ist. Diese Gruppen bilden die beiden Säulen bei der Entstehung eines heute als bedeutend eingeschätzten künstlerischen und kulturellen Phänomens. Zahlreiche Festivals wie „Piedra Roja" in Santiago und „Los Caminos que se abren" in Viña del Mar sind Zeichen dieser neuen musikalischen Richtung, bei der vorbehaltlos die Klänge der E-Gitarre mit denen des andinen Charangos und die des klassischen Klaviers mit jenen der Trutruca der Mapuche vermischt werden. Musikbands aus Chile, Argentinien und Peru nehmen regelmäßig an solchen Festivals teil. Die Liste der auftretenden Bands ist unendlich lang: Los Jaivas, Aguturbia, Escombros, Los Blops, Congreso...Doch am Morgen des 11. September 1973 erlebt die wachsende Szene eine abrupte Unterbrechung. Der Regierungssitz „El Palacio de la Moneda" steht in Flammen. Die demokratische Regierung wird durch einen Militärputsch unter Führung General Pinochets gestürzt. Allende stirbt und mit ihm ein Traum.

Die Diktatur

Von 1973 bis weit in die 80er Jahre durchlebt Chile eine lange Periode kultureller Verdunkelung. An den Universitäten werden viele Studiengänge abgeschafft, Bücher und Schallplatten in den Straßen verbrannt. Die Musik, Theater und Kinos sowie das gesamte kulturelle Leben erleben ein jähes Ende durch die Verhängung der Ausgangssperre und Ausrufung des Ausnahmezustands. Einige KünstlerInnen müssen ins Exil aufbrechen, um nicht, wie Victor Jara, ermordet zu werden. Andere werden einfach von Militärs in ein Flugzeug mit ungewissem Ziel gesetzt. Unter den wenigen Gruppen, die trotz allem im Land bleiben, ragt besonders „Congreso" hervor. Mühsam gelingt es der Band, mit einer gewissen Regelmäßigkeit einige Alben herauszubringen. Tiefgründige Texte und melancholische Melodien reflektieren den Gemütszustand einer Nation in der Dunkelheit. „Los Jaivas", die zweite legendäre Gruppe dieser Zeit, gehen ins Exil. Ihre Werke werden zunächst in Argentinien, später in Frankreich sowie in anderen Ländern Europas bekannt. In diesen für die Gruppe goldenen Jahren entstehen ihre wahrscheinlich besten Alben „Todos juntos" und „Alturas de Machu Pichu". Auf letzterem lassen sie die Poesie Pablo Nerudas mit Anden-, Mapuche- und Rockmusikklängen verschmelzen. Die Möglichkeiten dieser Bewegung beschränken sich jedoch auf den musikalischen Rahmen. „Congreso" und „Los Jaivas" sind nicht mehr als einsame Schreie in der langen Nacht der Diktatur.

Bis in die 80er Jahre gibt es im Land nur schüchterne Versuche, die in den 70er Jahren gefestigt wirkende Musikbewegung wiederzubeleben. Dies ist praktisch unmöglich, da es an geeigneten Veranstaltungsorten für Konzerte und Plattenfirmen fehlt. Man befindet sich in den härtesten Jahren der Diktatur. Dennoch formieren sich in Chile unzählige Bands, gestärkt durch die Medien und unter dem Einfluss der starken argentinischen Rockmusikbewegung nach dem Malwinenkrieg. Während des Konflikts zwischen Großbritannien und Argentinien verbot die argentinische Diktatur englischsprachige Musik, womit sie unbeabsichtigterweise die Musikszene des eigenen Landes und auch Chiles förderte. Die neuen chilenischen Gruppen imitieren den Look aus Buenos Aires, nicht aber die dortige kulturelle Richtung. Ein weiteres Mal wiederholt sich das Phänomen der 60er Jahre. Das neue Paradigma heißt Argentinien. Daher betrachten viele den Rock der 80er Jahre lediglich als eine schlechte Kopie oder schlicht als ein von den Massenmedien eingesetztes Produkt. Andere denken, die chilenische Musikbewegung dieser Periode sei nicht nur von den Medien, sondern auch vom Militärregime geschaffen worden. Aus dieser Sicht ist die Szene nicht mehr als ein speziell für die Jugend entwickeltes Überdruckventil – ein Weg, das soziale Unbehagen in Bahnen zu lenken, bevor es zur Explosion kommt. Tatsächlich hat sie jedoch eine weit größere Bedeutung. In der Mitte des Jahrzehnts erklingen in den Klassenräumen eines alten städtischen Gymnasiums Santiagos die ersten Akkorde der Titel, die sich später in Kampfparolen verwandeln sollen. „ Los Prisioneros" (Die Gefangenen) geben ihr Debüt mit der Platte „La Voz de los Ochenta" (Die Stimme der 80er) und mit ihrer Musik bringen sie die Unzufriedenheit einer ganzen Generation zum Ausdruck. Ihre Stücke, in denen sie sich vom Latino-Klang der Gruppen der 70er Jahre abwenden, sind in einer zuvor so nie gekannten Art mit sozialen und politischen Inhalten gefüllt. Später schließen sich ihnen Gruppen wie „Electrodomésticos", „Pequeño Vicio" und „Emociones Clandestinas" an.

Die Stimme der 90er

1988 wird in Chile ein Plebiszit durchgeführt, bei dem darüber entschieden werden soll, ob Pinochet weiterhin an der Macht bleibt oder ob freie Wahlen stattfinden. Im Oktober des Jahres siegt die „demokratische" Option. Doch was zu Beginn ein Hoffnungsschimmer zu sein scheint, erweist sich wieder einmal als zerstörter Traum. Die neue Diktatur des Neoliberalismus drängt dem Volk ihre Marktgesetze auf. Die Qualität ist zweitrangig, der Konsum gibt den Ton an. Trotzdem machen drei talentierte Jugendliche aus dem südlich gelegenen Concepción auf sich aufmerksam. In Santiago rekrutieren sie ein viertes Mitglied: Angel Parra – Angehöriger der Familie Violeta Parras. „Los Tres" – die daher eigentlich vier sind – überraschen von Anfang an mit ihrer Musik, die im wesentlichen Rockelemente enthält, darüber hinaus aber etwas vom ursprünglichen Bolero, von der bäuerlich-folkloristischen Cueca und vom Jazz hat. In ihren äußerst ironischen Texten greifen sie furchtlos die Marktwirtschaft und den zur Zeit in London inhaftierten General an. Doch gehen sie in ihrer Arbeit noch weiter. Mit Alben wie „La Peineta" und „La Jane Fonda" retten sie die wenig geschätzte urbane Folkloremusik. Auf ihren Alben erscheinen große Persönlichkeiten wie Roberto Parra – volkstümlicher Sänger und Dichter, der das bedeutendste chilenische Theaterstück der letzten Jahrzehnte, „La Negra Ester", verfasste. Sie schaffen es sogar, der amerikanisierten Stadtjugend den Campesino-Rhythmus der Cueca näherzubringen.

„Los Tres" scheinen mit ihrem Einsatz für eine „mestizierte" Musik, in der sich urbane und ländliche Folklore miteinander vermischen, zeigen zu wollen, dass es an der Zeit sei, Traditionen zu retten, uns selbst anzunehmen und uns nicht weiter nach außen zu orientieren. Ein ähnliches Verständnis findet sich auch bei anderen MusikerInnen. Joe Vasconcellos, ehemaliger Sänger der Gruppe „Congreso", der heute auch Solo-Alben herausbringt, teilt diese Auffassung. Er nimmt nicht nur diese Problematik in seine Kompositionen auf, sondern macht den von der „demokratischen" Regierung so verächtlich behandelten Rechtsstreit der Mapuche zu einem zentralen Thema seiner Kompositionen. Daher enthält sein neuestes Album „Transformación" ein Stück des Dichters Leonel Lienlaf, der dem Volk der Mapuche angehört. Als „Mensch der Erde" – wie sich die Mapuche selbst bezeichnen – singt er auf dieser CD von Vasconcellos seine eigenen Gedichte, so wie es sein Volk immer getan hat, das bis zur Ankunft der Spanier keine andere als die gesprochene Sprache kannte.

Davy Martínez Contreras ist Journalist und Gestalter des Musikprogramms des Uni-Radios Santo Tomás in Santiago de Chile. Gemeinsam mit den JournalistInnen Rodrigo Fernández und Patricia Sánchez hat er eine Forschungsarbeit über „Die Geschichte der Rockmusik in Chile" verfasst.

Übersetzung: Martina Schmitt

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Arquitectura de Amistad 
Montag, Januar 29, 2007, 20:51 -



Volker Bollig (30) hat einen Traum: Der Berliner Architekt möchte in den Armensiedlungen von Chile bauen. Ganz konkret in einer "Toma" in der Hafenstadt Valparaíso, die für ihre Treppen und Ascencores (quietschenden Aufzüge) bekannt ist. "Toma" steht abgekürzt für "Toma de Terreno", zu deutsch: Landnahme, besetztes Terrain, Armensiedlung. In Kooperation mit dem Hamburger Verein "C.A.S.A. para Chile e.V." soll in den "Altos de San Roque" ein Haus entstehen, in dem Praktikanten, Doktoranden, Studis oder Absolventen eines Freiwilligen Sozialen Jahres leben können - sowie zahlende Gäste aus dem Ausland. Die Einnahmen sollen der Siedlung zugute kommen, die das Haus zum eigenen Nutzen bewirtschaftet, so die Idee.

Schon während seiner Studienzeit forschte und verwirklichte Volker Bollig (zu) Projekte(n) in Nicaragua, Mexiko (s. Foto) und Chile (Valparaíso sowie auf der Insel Chiloe). Ihn fasziniert, was man aus den Siedlungen der Ärmsten alles lernen kann - über soziale Gefüge, das Entstehen von Mini-Städten und die Fantasie, die Menschen aufbringen, um mit den einfachsten Mitteln aus ihrer nächsten Umgebung Strukturen zu schaffen. Stilbildend seien dabei nicht zuletzt die Vorbilder aus den "Telenovelas", sagt Bollig etwas verschmitzt.

Noch sammelt der Hamburger Verein C.A.S.A - was auf Spanisch "Haus" heißt und in der Abkürzung für "Kooperation, Hilfe, Solidarität und Unterstützung" steht, fleißig Spenden. Wenn es nach Volker Bollig ginge, würde er lieber heute als morgen mit seiner Freundin und Söhnchen Ilian in den Süden fliegen, um als Architekt die "Bauaufsicht" zu übernehmen. Denn Chile hat er während eines Studienaufenthaltes und eines Praktikums kennen und lieben gelernt.




Projekt in Mexiko:
http://www.tu-berlin.de/freunde/newsletter/1_mexiko.htm
http://www.tu-berlin.de/presse/tui/99jun/mexiko.htm


Kontakt und Info: volkeresco@simplygood.de
C.A.S.A para Chile: http://www.casa-chile.de
E-Mail: info@casa-chile.de


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Soy loco por tí, America... 
Mittwoch, Januar 24, 2007, 19:01 - Kultur & Lektüre



...soy loco por tí de amores. - Der Brasilianer Caetano Veloso weckt sofort Ready-for-take-off-Gefühle mit seiner "Definite Colection". Trotzdem: Der Titelsong "Soy loco..." ist fast noch schöner und energiegeladener in der Version von Gilberto Gil, der ihn auch erfunden hat. Zum Beispiel auf dessen Album "Electroacústico". Dabei ist Caetanos Collection, von einigen Seichtigkeiten abgesehen, schon ziemlich gut!
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Argentinien: Präsidentschaftswahl am Río de la Plata 
Mittwoch, Januar 17, 2007, 22:53 - Travel Experience
http://www.welt.de/data/2003/04/26/79276.html
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Mit dem Luxusschiff in die Wildnis 
Sonntag, Januar 7, 2007, 12:06 - Música
Vergnügliche Reisegeschichte über eine 24.000-Dollar-Kreuzfahrt.
Aus, FAZ Sonntagszeitung, 7. Januar 2006:

http://www.faz.net/s/Rub51A2BF0098D64DB ... ezial.html
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